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Husten im Wartezimmer statt Tee im Bett: Warum die neuen Krankschreibungs-Regeln ein politischer Fehlschuss sind

Heike Humpert Stress- & Burnout-Coach · the.inner.company

Hast du dich auch schon mal mit einer dicken Erkältung an den Schreibtisch geschleppt? Vielleicht, weil ein wichtiges Projekt fertig werden musste, der Termindruck hoch war oder du deinen Kollegen nicht noch mehr Arbeit aufhalsen woltest.

Genau dieses Verhalten ist in unseren Büros Alltag. Doch anstatt die echten, strukturellen Probleme in unserem Gesundheitssystem anzupacken, hat die Bundesregierung mal wieder an der falschen Stellschraube gedreht. Der Koalitionsausschuss hat beschlossen, die mühsam etablierte telefonische Krankschreibung wieder abzuschaffen und gleichzeitig die Pflicht zur Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) standardmäßig ab dem ersten Tag einzuführen.

Die Begründung aus dem Kanzleramt: Die Krankenstände seien zu hoch und wir müssten alle wieder mehr ranklotzen. Doch ein genauer Blick auf die nackten Zahlen und wissenschaftliche Studien zeigt: Diese Reform ist ein klassischer politischer Fehlschuss.

Der Begriffs-Check: Warum „Blaumachen“ nicht das echte Problem ist

In der politischen Diskussion wird gerne ein Schreckgespenst an die Wand gemalt: faule Arbeitnehmer, die reihenweise „krankfeiern“. In der HR-Praxis und der Arbeitswissenschaft unterscheidet man hier jedoch sehr genau:

  • Absentismus: Das ist in der Personalwirtschaft das absolute Reizwort. Es bezeichnet eben nicht das ehrliche Auskurieren einer echten Grippe. Absentismus steht für das motivationsbedingte, freiwillige und unberechtigte Fernbleiben – also das, was wir umgangssprachlich als „Blaumachen“ oder „Krankfeiern“ bezeichnen. Hier entscheidet sich ein Mitarbeiter ganz bewusst gegen die Arbeit, obwohl er eigentlich kerngesund ist. Repräsentative Umfragen zeigen jedoch: Satte 92,2 % der Beschäftigten geben an, nie ohne triftigen Grund zu fehlen. Absentismus im Sinne von Blaumachen ist in der Realität also eine absolute Ausnahme.
  • Präsentismus: Das genaue Gegenteil – das Arbeiten trotz Krankheit. Man schleppt sich schniefend ins Büro oder loggt sich mit Fieber ins Homeoffice ein.

Und jetzt kommt der finanzielle Knaller für alle Arbeitgeber: Präsentismus kostet Unternehmen doppelt so viel wie krankheitsbedingte Fehlzeiten!

Wer krank arbeitet, leistet deutlich weniger, macht teure Fehler, riskiert Arbeitsunfälle und verschleppt Infekte, was am Ende zu echten Langzeitausfällen führt. Zudem steckt man im Büro oft das halbe Team an.

Eine viel beachtete Studie von Booz & Company im Auftrag der Felix-Burda-Stiftung zeigt das finanzielle Dilemma in harten Zahlen:

Das renommierte Fachblatt ASU – Zeitschrift für medizinische Prävention warnt seit Jahren: Wer Präsentismus durch Druck erhöht, treibt die Kosten für Unternehmen massiv in die Höhe. Doch genau das tut die Politik jetzt.

Die Statistik-Falle: Warum die Krankenzahlen scheinbar steigen

Aber die Krankenstände sind doch laut Politik auf einem historischen Hoch? Ja – allerdings sitzen die Entscheider hier einem gewaltigen statistischen Messfehler auf.

Seit 2022 haben wir in Deutschland die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU). Früher mussten wir den „gelben Schein“ in Papierform selbst an die Krankenkasse schicken. Wer wegen einer Erkältung nur eine Woche flachlag, hat sich den Aufwand oft gespart – die Krankenkasse hat von diesem Kurzausfall also nie etwas erfahren.

Heute schickt die Arztpraxis die eAU vollautomatisch per Knopfdruck direkt an die Kasse. Plötzlich taucht in der Statistik jede noch so kurze Krankschreibung lückenlos auf. Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) hat nachgerechnet: Allein durch diesen eAU-Effekt ist der gemessene Krankenstand auf dem Papier um rund 2,5 Tage pro Person nach oben geschnellt! Wir sind also nicht kränker oder fauler geworden, wir erfassen die Daten schlichtweg digitaler und genauer.

Wenn die Politik jetzt eine eAU-Pflicht ab dem ersten Tag einführt, fliegen bald noch mehr Kurzzeit-Meldungen ins System. Die Folge: In zwei Jahren wird die Regierung wieder vor die Kamera treten und jammern, dass die Zahlen steigen. Ein selbstgemachtes statistisches Perpetuum Mobile.

Die paradoxe Folge: Warum die AU ab Tag eins die Ausfallzeiten verlängert

Wer glaubt, dass eine Attestpflicht ab dem ersten Tag die Fehlzeiten senkt, hat die Psychologie des Arztbesuchs nicht verstanden.

Bisher galt in vielen Betrieben: Wer sich unwohl fühlt, bleibt ein oder zwei Tage im Bett, trinkt Tee und kuriert sich aus. Ohne Arztbesuch, ohne Bürokratie. Wenn du dich nun am ersten Tag mit Migräne oder Magen-Darm-Grippe in die Praxis schleppen musst, passiert folgendes: Kein Arzt schreibt dich für nur 24 Stunden krank. Um dich zu schonen und dir einen erneuten Weg zu ersparen, oder weil die Praxis ohnehin schon völlig überlastet ist, wirst du im Schnitt direkt für 3 bis 5 Tage oder gleich die ganze Woche krankgeschrieben. Aus einem Tag Auskurieren im Bett werden so ganz schnell fünf Tage offizieller Ausfall. Ein grandioses Eigentor für die Wirtschaft.

Der echte Hebel: Warum Prävention und Kulturarbeit die beste Medizin sind

Wenn wir den Krankenstand und den extrem teuren Präsentismus in den Griff bekommen wollen, hilft kein gesetzlicher Generalverdacht, sondern echte Kulturarbeit in den Betrieben. Denn warum gehen Menschen überhaupt krank arbeiten? Laut Befragungen sind die Hauptgründe:

  • Fehlende Vertretung (44 %): Die Angst, dass die Arbeit liegen bleibt und man sie später ohnehin selbst nachholen muss.
  • Rücksicht auf Kollegen (39 %): Man möchte dem Team keine Mehrbelastung aufbürden.
  • Druck und Angst vor Jobverlust (25 %).


Hier müssen Unternehmen ansetzen. Die beste Prävention von Präsentismus und echtem Absentismus (wie innerer Kündigung und Blaumachen) liegt in einer wertschätzenden, sicheren und gesunden Unternehmenskultur.

1. Führungskräfte als Vorbild (Healthy Leadership)

Geht der Chef selbst mit Fieber und roter Nase ins Büro, signalisiert er dem Team unbewusst: „Kranksein wird hier nicht geduldet“. Führungskräfte müssen aktiv geschult werden, einen gesundheitsbewussten Führungsstil zu pflegen, Alarmsignale bei Mitarbeitern zu erkennen und kranke Teammitglieder konsequent nach Hause zu schicken.

2. Soziale Unterstützung senkt Fehlzeiten messbar

Daten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) belegen eindrucksvoll, wie stark das Betriebsklima wirkt. Beschäftigte, die eine hohe Unterstützung durch ihre Vorgesetzten erleben, weisen deutlich weniger Krankheits- und Präsentismustage auf:

  • Präsentismustage: Sinken von durchschnittlich 7,1 Tagen (bei geringer Unterstützung) auf 5,4 Tage pro Jahr.
  • Krankheitstage: Sinken von 14,3 Tagen auf 11,2 Tage.

3. Strukturelles Ausfallmanagement

Es darf nicht sein, dass Krankheit bestraft wird, weil die Arbeit danach doppelt so hoch gestapelt auf dem Schreibtisch liegt. Unternehmen brauchen durchdachte, funktionierende Stellvertreter-Regelungen. Nur wenn Mitarbeiter wissen, dass ihre Kernaufgaben im Notfall verlässlich aufgefangen werden, können sie sich ohne schlechtes Gewissen auskurieren.

4. Offene Kommunikation statt Tabus

Eine Kultur, in der auch über mentale Belastungen oder chronische Leiden offen gesprochen werden kann, ohne dass direkt Karrierenachteile drohen, fängt Probleme ab, bevor sie in einer monatelangen Langzeiterkrankung enden.

Kollateralschäden der Reform: Praxis-Kollaps und soziale Härte

Schon heute verbringen Hausärztinnen und Hausärzte im Schnitt drei Stunden pro Tag mit reinem Papierkram und Bürokratie. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) schlägt deshalb Alarm: Die Praxen werden künftig mit Millionen medizinisch völlig sinnloser Kontakte wegen Bagatellerkrankungen wie leichtem Schnupfen geflutet und das bei gleichzeitigen Budgetkürzungen!

Zudem trifft diese Neuregelung bestimmte Gruppen mit voller sozialer Härte:

  • Chronisch Kranke (z. B. Migräne-Patienten): Sie wissen genau, was sie im akuten Anfall brauchen: absolute Dunkelheit, Ruhe und Schlaf. Sie jetzt zu zwingen, sich für ein Stück Papier in ein helles, lautes Wartezimmer zu setzen, ist medizinisch kontraproduktiv und eine Qual.
  • Frauen mit Menstruationsbeschwerden: Wer monatlich unter starken Regelschmerzen leidet, wird durch den Zwang zur „Tag-Eins-AU“ systematisch benachteiligt. Der Gang zum Arzt bietet hier null therapeutischen Mehrwert. Er ist reine Schikane.

Das Kernproblem des Systems: Wartezeiten, die krank machen

Wenn die Bundesregierung den Krankenstand wirklich senken wollte, müsste sie an einer ganz anderen Stellschraube drehen: der katastrophalen Versorgung im Facharzt- und Psychotherapie-Bereich.

Kurzzeit-Erkrankungen machen zwar die Masse der Fälle aus, aber über 40 % der gesamten Fehltage in Deutschland entstehen durch Langzeiterkrankungen (über 6 Wochen). Der größte Treiber hierbei sind psychische Erkrankungen.

Und warum fallen die Menschen so lange aus? Weil sie monatelang auf Termine warten müssen und die Krankheiten in dieser Zeit chronisch werden. Im Schnitt warteten gesetzlich Versicherte zuletzt 42 Tage auf einen Facharzttermin – fast zehn Tage länger als noch 2019!

  • Psychotherapie: Gesetzlich Versicherte warten im Schnitt 3 bis 5 Monate auf einen Therapieplatz (Privatpatienten oft nur 2 bis 6 Wochen). In dieser Wartezeit verschlimmert sich die Depression oder der Burnout massiv.
  • Dermatologie / Neurologie: Wartezeiten von 2 bis 3 Monaten sind keine Seltenheit.

Ein funktionierendes Gesundheitssystem mit schneller Terminvergabe würde dafür sorgen, dass Menschen gar nicht erst wochenlang ausfallen. Doch anstatt die Facharzt-Wartezeiten zu verkürzen, blockiert man die Hausarztpraxen lieber mit Schnupfennasen.

Fazit: Symbolpolitik statt echter Lösungen

Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und die Einführung der AU-Pflicht ab Tag eins ist reine Symbolpolitik auf dem Rücken der Beschäftigten, der chronisch Kranken und der ohnehin überlasteten Arztpraxen. Sie fördert den extrem teuren Präsentismus und verlängert paradoxerweise sogar kurze Fehlzeiten.

Anstatt den Bürgern pauschales Misstrauen entgegenzubringen, sollte die Politik lieber strukturelle Hürden im Gesundheitssystem abbauen und Unternehmen dabei unterstützen, gesunde Arbeitsumgebungen zu schaffen. Denn gesund wird man durch Erholung im Bett und nicht durch Schlangestehen im Wartezimmer.

Quellenverzeichnis

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