Krisenintervention

Trauern im Turbo und die Hilflosigkeit der Chefetage. Warum und wie wir Trauer am Arbeitsplatz neu denken sollten.

Heike Humpert Stress- & Burnout-Coach · the.inner.company

Die gesellschaftliche Erwartungshaltung gegenüber trauernden Menschen ist von einem tiefen Paradoxon geprägt. Einerseits gilt der offene Ausdruck von Trauer wie z.B. das Weinen, die tiefe Traurigkeit und das Innehalten, in den ersten Tagen nach einem schweren Verlust als sozial erwünscht und psychologisch notwendig. Andererseits wir in nur wenigen Tagen von den Hinterbliebenen erwartet, im Berufsalltag wieder reibungslos zu funktionieren, als sei die emotionale Erschütterung eine bloße Episode von kurzer Dauer.   

Angesichts von monatlich rund 80.000 Todesfällen allein in Deutschland betrifft dieses Spannungsfeld kontinuierlich eine immense Anzahl von Erwerbstätigen. Trauer ist kein seltenes Randphänomen, sondern eine alltägliche Realität in der Arbeitswelt, auf die das traditionelle Beschäftigungssystem jedoch kaum adäquate Antworten parat hält. Der gesetzliche Sonderurlaub erweist sich bei existenziellen Verlusten, wie dem Tod eines eigenen Kindes oder Partners, allzu oft als ein hilfloser Tropfen auf den heißen Stein.   

Das rechtliche Minimum: Die Illusion der schnellen Rückkehr

Die Annahme, dass der akute Schmerz nach dem Ableben eines engen Angehörigen innerhalb von zwei bis drei Tagen bewältigt sein könnte, spiegelt sich im deutschen Arbeitsrecht wider. Wenn im Arbeitsvertrag, in der Betriebsvereinbarung oder im Tarifvertrag keine spezifischen Regelungen verankert sind, müssen sich Beschäftigte auf § 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) berufen. Dieser Paragraf gewährt eine bezahlte Freistellung für eine „verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit“, sofern der Grund in der Person des Arbeitnehmers liegt und unverschuldet ist.   

In der betrieblichen Praxis wird dieser unbestimmte Rechtsbegriff meist auf eine extrem kurze Dauer reduziert, die in keinem Verhältnis zur psychologischen Realität steht.   

Verwandtschaftsgrad (erster Grad)Übliche Dauer des Sonderurlaubs (Privatsektor / TVöD)Administrative Aufgaben im TrauerfallPsychologische Kernaufgabe in dieser Phase
Ehepartner / Lebenspartner2 bis 3 TageOrganisation der Bestattung, Behördenwege, finanzielle Reorganisation.Akuter Schockzustand, Realisierung des Verlusts, Beginn der Identitätsreorganisation.
Eigene Kinder (inkl. Adoptiv-, Stief-, Pflegekinder)2 bis 3 TageKoordination mit Bestattern, polizeiliche/medizinische Klärungen im Akutfall.Existenzieller Schock; die Anpassung an den Tod des eigenen Kindes ist eine lebenslange Aufgabe.
Eltern / Geschwister1 bis 2 TageNachlassregelung, Haushaltsauflösung, Koordination der Trauerfeier.Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit, Verarbeitung von familiären Rollenveränderungen.

Dieser formale Rahmen ignoriert, dass die Gewährung von zwei Tagen Sonderurlaub, wenn überhaupt, die rein bürokratische und logistische Abwicklung der Bestattung ermöglicht. Für die tatsächliche Trauerarbeit bleibt in diesem engen Korsett kein Raum.   

Die Praxis der Notlösungen: Krankschreibungen und die Pathologisierung der Trauer

Weil der Sonderurlaub nach wenigen Tagen abläuft, die emotionale und physische Belastung jedoch anhält, bleibt vielen Betroffenen kein anderer Ausweg als die formale Krankmeldung. Aus medizinischer Sicht war dies lange Zeit ein systemisches Dilemma. Da Trauer an sich keine Krankheit ist, existierte im Klassifikationssystem ICD-10 kein passender Diagnoseschlüssel. Hausärzte sahen sich daher gezwungen, auf Hilfsdiagnosen auszuweichen. So wurde auf dem Krankenschein nicht selten der Code „J. 06.9“ für einen grippalen Infekt eingetragen, um den Betroffenen die dringend benötigte Auszeit zu verschaffen. Auch psychische F-Diagnosen waren nicht selten, was ein wahnsinniges Dilemma darstellt und nicht treffend ist.

Mit der Einführung der ICD-11 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) versucht, dieses Problem zu lösen, indem sie die Anhaltende Trauerstörung (Prolonged Grief Disorder) als eigenständige Diagnose etabliert hat. Diese Diagnose kann gestellt werden, wenn die Trauerbeschwerden mindestens sechs Monate nach dem Verlust fortbestehen, das soziokulturelle Maß überschreiten und den Alltag massiv blockieren. Auch diese Diagnose löst das eigentliche Problem nicht.   

Darüber hinaus verkürzte das amerikanische Klassifikationssystem DSM-5 den sogenannten „Trauervorbehalt“ auf lediglich 14 Tage. Wer nach zwei Wochen weiterhin tiefe Trauersymptome zeigt, darf demnach als depressiv diagnostiziert werden.   

Diese Entwicklung wird in der Trauerbegleitung heftig kritisiert. Die Gefahr einer voreiligen Pathologisierung ist hoch. Trauer ist eine gesunde, evolutionär tief verankerte Reaktion auf den Verlust von Bindung. Die Erwartung, dass ein schwerer Verlust nach sechs Monaten oder gar nach zwei Wochen medizinisch bewertet werden muss, erhöht den Normierungsdruck auf die Hinterbliebenen, anstatt ihnen den nötigen Raum für einen individuellen Prozess zu gewähren.   

Das Duale Prozessmodell: Warum Arbeit gleichzeitig schaden und heilen kann

Die moderne Psychologie begreift Trauer nicht mehr als ein starres Nacheinander von Phasen, sondern als ein dynamisches Pendeln. Das von Margaret Stroebe und Henk Schut entwickelte Duale Prozessmodell der Trauerbewältigung (DPM) beschreibt, dass ein gesunder Umgang mit Verlusten eine kontinuierliche Oszillation zwischen zwei verschiedenen Bewältigungsformen erfordert:   

  • Die verlustorientierte Bewältigung: In diesen Phasen konzentrieren sich Betroffene ganz auf den Schmerz, das Weinen, das Erinnern und das Zulassen von Sehnsucht und Wut.   
  • Die wiederherstellungsorientierte Bewältigung: Hier richten sich die Gedanken auf die Reorganisation des Lebens ohne die verstorbene Person. Man widmet sich praktischen Aufgaben, sucht Ablenkung und nimmt neue Rollen ein.   

Für den Arbeitsplatz ergeben sich aus diesem Modell wichtige Erkenntnisse. Die Wiederaufnahme der Arbeit kann für Trauernde eine heilsame, wiederherstellungsorientierte Struktur bieten. Sie lenkt ab, vermittelt das Gefühl von Kompetenz und bietet ein Stück Normalität in einer völlig aus den Fugen geratenen Welt.   

Die Arbeit darf jedoch nicht dazu missbraucht werden, den Verlust komplett zu unterdrücken. Wenn im Betrieb eine Kultur der absoluten Gefühlsvermeidung herrscht, wird die notwendige Verarbeitung blockiert. Die betroffene Person gerät in eine chronische Überlastung, da das ständige Unterdrücken von Emotionen immense psychophysiologische Ressourcen verschlingt.   

Darüber hinaus verläuft Trauer keineswegs bei jedem Menschen gleich. Es lassen sich verschiedene Bewältigungsstile identifizieren, die am Arbeitsplatz aufeinandertreffen und dort oft zu Missverständnissen führen.   

TrauertypPrimärer BewältigungsfokusVerhalten am ArbeitsplatzRisiko im Teamgefüge
VermeiderVerdrängung und emotionale Distanzierung.Versucht, sofort wieder voll funktionsfähig zu sein; flüchtet sich in die Normalität.Kann auf Kollegen kalt oder desinteressiert wirken.
HandlerAktionismus und instrumentelle Trauer.Kompensiert den Schmerz durch extreme Überarbeitung und das Lösen praktischer Probleme.Erhöhtes Risiko für plötzliche psychische Erschöpfung durch Ressourcenraubbau.
FühlerEmotionaler Ausdruck und intuitive Trauer.Spricht offen über den Verlust, zeigt Tränen und sucht den direkten Austausch.Kann Kollegen, die Angst vor emotionaler Konfrontation haben, verunsichern oder überfordern.

Die verdeckten Kosten des Schweigens: Präsentismus im Trauerfall

Gehen Trauernde trotz schwerer psychischer Beeinträchtigungen zur Arbeit, ohne dass Anpassungen an ihren Aufgaben vorgenommen werden, führt dies zu einem ausgeprägten Präsentismus. Dieser Zustand ist für Unternehmen mit immensen, oft unsichtbaren Kosten verbunden.   

Nach der allostatischen Belastungstheorie von Bruce McEwen führt das gleichzeitige Einwirken zweier schwerer Stressoren wie z.B. den emotionalen Anforderungen der Trauer und den kognitiven Anforderungen der Arbeit, zu einem massiven Energieaufwand. Betroffene müssen sich extrem anstrengen, um die gewohnte Leistung zu erbringen.   

Diese kognitive Überlastung führt zu Konzentrationsstörungen, einer deutlich erhöhten Fehlerwahrscheinlichkeit und einem stark ansteigenden Unfallrisiko.   

Wirtschaftspsychologische Studien belegen, dass die Produktivitätsverluste durch Präsentismus die Kosten von tatsächlichen Ausfalltagen um ein Vielfaches übertreffen. Während die Lohnfortzahlung bei einer echten Krankschreibung eine kalkulierbare Größe darstellt, bleibt der Produktivitätsabfall bei anwesenden, aber tief trauernden Mitarbeitern im Verborgenen. Auf Unternehmensebene schätzt die Forschung die durch unbegleitete Trauerfälle verursachten Kosten auf mehrere Milliarden Euro jährlich.   

Die strukturelle Ungleichheit: Großkonzerne versus KMU

Bei der Suche nach Lösungen offenbart sich eine tiefe Kluft in der Unternehmenslandschaft. Als die Facebook-Managerin Sheryl Sandberg nach dem unerwarteten Tod ihres Mannes im Jahr 2015 eine firmenweite Richtlinie einführte, die bis zu 20 Tage bezahlten Sonderurlaub im Trauerfall gewährt, erntete das Unternehmen weltweit Applaus. Solche großzügigen Regelungen stärken die Arbeitgebermarke und festigen das Vertrauen der Belegschaft nachhaltig.   

Für kleine und mittlere Unternehmen sowie Handwerksbetriebe ist ein solches Modell jedoch oft schwer zu kopieren. Fällt eine Schlüsselkraft für mehrere Wochen bei voller Lohnfortzahlung aus, geraten Kleinstbetriebe schnell an ihre wirtschaftlichen und organisatorischen Belastungsgrenzen. In solchen Strukturen müssen die Inhaber oft selbst unter extremem Verzicht auf die eigene Work-Life-Balance einspringen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.   

Daher benötigen KMU pragmatische, flexible Lösungen, die finanzielle Tragfähigkeit mit echter menschlicher Fürsorge verbinden.   

Strategische Alternativen für Arbeitgeber: Wege aus der Sprachlosigkeit

Um Trauernde wirksam zu unterstützen und gleichzeitig die Produktivität des Betriebs zu sichern, müssen Arbeitgeber von rein starren Urlaubsregelungen Abstand nehmen und eine ganzheitliche Trauerkultur etablieren.   

1. Die Teilkrankschreibung als systemischer Meilenstein

Eine wegweisende Alternative zur vollständigen Arbeitsunfähigkeit bietet vermutlich bald die gesetzliche Weiterentwicklung im Sozialversicherungsrecht. Mit der Einführung der gesetzlichen Teilkrankschreibung und des Teilkrankengeldes (etwa im Rahmen des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes in 25/50/75-Prozent-Stufen) steht Arbeitgebern und Beschäftigten ein hochflexibles Instrument zur Verfügung.   

Trauernde müssen sich dadurch nicht mehr zwischen der totalen Isolation zu Hause und der vollen Belastung im Büro entscheiden. Sie können beispielsweise für 25 Prozent der regulären Arbeitszeit im Betrieb verbleiben, um wichtige, strukturierende Routineaufgaben zu übernehmen, während sie für die restliche Zeit durch das Teilkrankengeld sozial abgesichert sind und Raum für die verlustorientierte Trauerarbeit erhalten.   

2. Die Etablierung von Trauerbeauftragten und Notfallkonzepten

In fast jedem deutschen Unternehmen existieren standardmäßig Beauftragte für den Brandfall, die Arbeitssicherheit oder für Pandemien. Ein Beauftragter für den emotionalen Katastrophenfall „Tod“ ist hingegen kaum zu finden, obwohl das Sterben ein unvermeidbarer Teil des Lebens ist.   

Unternehmen sollten präventiv sogenannte Trauervertrauenspersonen oder auch mentale Ersthelfer ausbilden lassen. Diese geschulten Ansprechpartner aus der Belegschaft können im Akutfall vermitteln, die Kommunikation im Team steuern und Betroffenen als emotionale Ersthelfer zur Seite stehen.   

3. Das Hamburger Modell im Trauerkontext

Die stufenweise Wiedereingliederung, sollte bei schweren Verlusten wie dem Tod eines Kindes proaktiv genutzt werden. Während dieses Prozesses gilt der Mitarbeiter weiterhin als arbeitsunfähig und bezieht Krankengeld von der Krankenkasse.   

Gemeinsam mit dem behandelnden Arzt wird ein Stufenplan erstellt, bei dem die tägliche Arbeitszeit schrittweise über mehrere Wochen gesteigert wird.   

Dies nimmt den Betroffenen den existentiellen Leistungsdruck, erhält ihnen jedoch gleichzeitig den wertvollen Bezug zum kollegialen Umfeld.   

4. Individuelle Gesten statt standardisierter Floskeln

Wenn Trauernde an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, sind es oft die kleinen, proaktiven Handlungen der Kollegen und Vorgesetzten, die den entscheidenden Unterschied ausmachen. Allgemeine Floskeln wie „Melde dich einfach, wenn du etwas brauchst“ überfordern Trauernde, da sie im Zustand der Erschöpfung kaum in der Lage sind, aktiv um Hilfe zu bitten.   

Viel wirksamer sind konkrete, niedrigschwellige Angebote. Kollegen können anbieten, bestimmte Aufgabenpakete für einen definierten Zeitraum komplett zu übernehmen, oder den Betroffenen ganz unkompliziert zum gemeinsamen Mittagessen einladen, ohne eine emotionale Gegenleistung zu erwarten.  Auch sind hier die Führungskräfte gefragt, die klar und konkret für Entlastung des Trauernden sorgen sollten.

Fazit: Menschlichkeit als ökonomischer Erfolgsfaktor

Der Umgang mit Trauer am Arbeitsplatz darf keine reine Frage der Kulanz oder der juristischen Pflichterfüllung sein. Wer Trauernde dazu zwingt, ihre Emotionen im Turbotakt abzuarbeiten, um schnellstmöglich wieder zu funktionieren, riskiert langwierige psychische Folgeerkrankungen und erhebliche Produktivitätsverluste im gesamten Team.   

Eine moderne Unternehmenskultur zeichnet sich dadurch aus, dass sie den Wechsel zwischen Schmerz und Produktivität aktiv zulässt und durch flexible Strukturen stützt. Alternativen wie die Teilkrankschreibung, betriebliche mentale Ersthelfer und die bewusste Schonung von Leistungsträgern in akuten Krisenphasen zeigen, dass ökonomische Vernunft und tief empfundene Menschlichkeit am Arbeitsplatz keine Widersprüche sein müssen, sondern sich gegenseitig bedingen.   

Literatur- und Quellenverzeichnis

Fachbücher & Monographien

Wissenschaftliche Artikel & Studien

  • Aoun, S. M., et al. (2018). Bereavement support in the workplace: Their needs, responses, and the role of the employer. Death Studies, 42(10). https://doi.org/10.1080/07481187.2018.1430084
  • Bento, R. F. (1994). When the show must go on: Grief in the workplace. Journal of Managerial Psychology, 9(6).
  • Charles-Edwards, D. (2009). The business case for bereavement support in the workplace. Bereavement Care, 28(1). https://doi.org/10.1080/02682620902746078
  • Dutton, J. E., Frost, P. J., Worline, M. C., Lilius, J. M., & Kanov, J. M. (2002). Compassion in the lead. Harvard Business Review, 80(5).
  • Dutton, J. E., Workman, K. M., & Ashley, A. E. (2014). Compassion at work. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 1(1). https://www.annualreviews.org/content/journals/10.1146/annurev-orgpsych-031413-091221
  • Hazell, C. M., et al. (2022). A systematic review of the impact of bereavement on work and the workplace. BMC Public Health, 22(1). https://doi.org/10.1186/s12889-022-12885-3
  • Wilson, D. M., et al. (2020). Workplace bereavement support: A scoping review. Journal of Palliative Care, 35(3).

Praxis-Leitfäden & Online-Ressourcen

  • The CompassionLab (University of Michigan). Research on Compassion at Work. https://www.thecompassionlab.com
  • CIPD (Chartered Institute of Personnel and Development). Bereavement support in the workplace: A guide for employers. https://www.cipd.org
  • Cruse Bereavement Support. Workplace Support & Employer Resources. https://www.cruse.org.uk
  • Hazelton, S. (2013). Grief in the Workplace: A guide for employees, managers and HR professionals. Mental Health Foundation.

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